Das Thema Zwillinge fasziniert und interessiert die Menschheit schon seit jeher. Behaupte ich einfach mal. Deshalb gibt es auch so viele Romane, Geschichten und Filme rund um dieses Thema. Allen voran zum Beispiel das Buch „Prinzen“ von Sonya Hartnett. Meiner Meinung ein grandioses Werk über eine tiefverwurzelte Hassliebe zwischen Zwillingsbrüdern, wo sich am Ende nicht nur der Leser, sondern auch die Brüder selbst sich fragen: Wer ist wer? Wer bin ich?
Rivalität mit einem Rivalen, der fest mit einem verbunden ist. Ein Leben ohne das Gegenstück gibt es nicht, gab es nie. Eine Situation, die sich ein Nicht-Zwilling kaum vorstellen kann. Einen Zwilling zu haben, ist etwas anderes als bloß einen Bruder oder eine Schwester zu haben.
Ich werde mich jetzt auch mal an dieser Thematik versuchen. Beim Schreiben dieses - wie soll ich es nennen? Kurzgeschichte? Innerer Monolog? - Gedankenflusses haben mich Ben Folds und Nick Hornby mit dem Album „Lonely Avenue“ begleitet. Wer meint, dass es eine bessere Mischung gibt – ich lasse mich gerne belehren.


Zwilling

Ich liebe meine Zwillingsschwester. Abgöttisch liebe ich sie. Ich kann nicht ohne sie leben. Und das sage ich nicht nur so daher wie all die anderen Leute, die nicht wissen, was es bedeutet ein Zwilling zu sein. Ich habe keinen Moment unseres Lebens ohne sie verbracht. Wir waren immer zusammen und in den wenigen Ausnahmen wussten wir immer, wo die Andere war. Merkt ihr was? Ich sage „unser Leben“. Weil es nunmal so ist. Es gibt kein „mein“ und „dein“. Von Anfang an hatten wir ein gemeinsames Zimmer, wurden zur gleichen Zeit ins Bett gesteckt, wachten fast gleichzeitig wieder auf und freuten uns wahnsinnig, uns nach den Stunden, die wir schlafend verbracht hatten, endlich wieder zu sehen. Das erste Wort, das ich sprechen konnte, war der Name meiner Schwester. So wurde es uns jedenfalls später erzählt. Unser Kleiderschrank, unsere Klamotten, unser Spielzeug. Unser Geburtstag, unsere Geschenke. Wenn man von uns sprach, sprach man von den Zwillingen oder den Mädchen. Ich und sie. Wir. Unsere Freunde? Nein, keine Freunde. Jedenfalls keine guten. Wir haben ja uns. Wozu Freunde, wenn man den besten Spielkameraden immer um sich hat? Natürlich gab es Streit, Geschrei und Tränen. Immer wieder Tränen. Wir haben uns gegenseitig zum Weinen gebracht. Ich kann sie nicht verletzten ohne auch mir weh zu tun. Sei gut zu deiner Schwester, hieß es dann. Die Rollenverteilung war ziemlich schnell klar und ist bis heute geblieben, nicht mehr zu ändern. Sie gilt als die Zarte, Liebe, Verletzliche. Früher brauchte sie nur zu Weinen und alle haben sich um sie gekümmert. Auch ich mich. Auch wenn sie meistens wegen mir weinte.
Ich die Ungestüme, Wilde, Rücksichtslose. Rücksichtslos? In den Augen der anderen vielleicht. Aber ich würde alles, alles für sie tun. Das weiß sie. Und nutzt es aus. Kein Problem, ich weiß, sie würde dasselbe für mich tun. Als Zwilling ist man nicht rücksichtslos. Auch nicht egoistisch. Man ist Zwilling.
In letzter Zeit werde ich von Zweifeln gequält. Natürlich, wir sind keine Kinder mehr, aber mir scheint, als würde unser Wir sich langsam auflösen. Wer bin ich ohne sie? Niemand. Was bin ich ohne sie? Nichts. Die Distanz geht von ihr aus. Immer öfter sagt sie „Ich“ und nicht „Wir“. Wie macht sie das? In meinem Denken gibt es nur uns und das Wort „Ich“ geht mir kaum über die Lippen. Sie sagt, wir sollten anfangen, ein eigenes Leben zu leben. Ich sage, wir leben doch ein eigenes Leben. Unser Leben. Sie sagt, du verstehst nicht: Mein Leben, dein Leben. Mein Leben? Ich habe kein Leben ohne dich, sage ich. Ich weiß sagt sie. Ich brauche kein Leben ohne dich, ich will kein Leben ohne dich, sage ich. Du bist meine Schwester, du bist mein Zwilling, du bist ich. Sie sagt, sie will nicht ich sein. Sie will sie selbst sein. Mir war klar, dass sie diesen Satz irgendwann sagen würde. Sie würde ihn sagen, weil sie die Stärkere von uns beiden ist, auch wenn alle anderen denken, dass ich es bin. Sie ist die Stärkere. Sie weiß das. Ich weiß das. Sie hat den Satz gesagt, vor dem ich immer Angst hatte. Den Satz, den ich niemals sagen würde. Der Satz steht nun zwischen uns. Etwas steht nun zwischen uns. Es wird nie wieder so sein wie es war. Sie nimmt mich in den Arm und sagt, es würde sich gar nicht so viel ändern. Das ist ein Lüge. Sie weiß das. Ich weiß das. Wir sind Zwillinge. Wir waren Zwillinge? Ich weine, aber niemand kommt herbeigelaufen, um meine Tränen zu trocknen. Unsere Tränen. Denn auch sie weint jetzt. Wir stehen da, schauen unserem Ebenbild ins Gesicht und weinen. Es ist ihre Schuld. Warum, warum probiert sie das Unmögliche – uns zu trennen? Ich dachte immer, niemand könnte uns trennen. Unzertrennlich – was für ein Wort. Aber wir können uns trennen. Sie hat uns soeben getrennt. Warum tut sie das? Es tut weh. Ihr doch genauso. Warum tut sie uns das an? Ich will sie nicht verstehen, will nicht nachvollziehen, warum sie diesen Schritt gemacht. Sie, meine Schwester, mein anderes Ich. Sie, die schon lange auf diesen Schritt hingearbeitet hat, während ich nur zu gerne so getan habe, als würde ich es nicht merken. Sie, die schon lange sie selbst ist. Nur mich muss sie noch loswerden. Denkt sie wirklich, dass kann sie? Mich loswerden? Mich? Nicht nur ein Teil ihres Lebens, sondern ein Teil von ihr.
Ich hasse meine Schwester. Ich hasse meinen Zwilling. Ich hasse sie, weil ich sie so sehr liebe. Ich liebe sie, wie ich mich liebe. Ich hasse mich.


lony am 13.Nov 11  |  Permalink
Schön gesagt !!! Echt total tiefgründig,

ebee am 13.Nov 11  |  Permalink
Danke.

pefferminz leben am 14.Nov 11  |  Permalink
Das ist echt gut. Ich hab voll die ganzen Emotionen gespürt :)

ebee am 14.Nov 11  |  Permalink
Wirklich? Danke sehr, ich fühle mich fast geehrt. Hoffentlich steigt mir der Ruhm nicht zu Kopf.
Nein, im Nachhinein würde ich einiges anders schreiben, glaube ich. Vielleicht ein bisschen weniger Drama und alles etwas subtiler.