Freitag, 4. Mai 2012
An den Frühling
Frühling,
du kommst.

In Gestalt von Männern, die mit Stolz ihre Autos in den Auffahrten waschen.
Gartenschlauch und Schwamm, Bierbauch und Unterhemd.

Als Wäsche, die auf der Leine flattert, von beschürzten Hausfrauen aufgehängt.
Gartenzaungespräche mit der Nachbarin. Jammern, klagen, hinterfragen.

Frühling,
du kommst.

In Form von Straßenmalkreide. Bunter Staub, der sich in den Kleidern festsetzt.
Fahrrad fahren, Banden gründen, Knie aufschürfen.
Bloße Füße im viel zu kalten Bach, Picknick im Baumhaus, von der Sonne gewärmt.

Frühling,
du kommst.

Und bringst vermisste Gerüche.
Grillkohle, grünes Gras, warmer Regen.

Und bringst vermisste Geräusche.
Vogelgezwitscher, Wasserplätschern, Kinderlärm.

Und du bringst die Farben wieder.

Frühling,
du kommst.

Mit Sang und Klang.
Hast den Geschmack von Sommer auf der Zunge.
Machst Lust auf mehr.

Frühling,
du kommst.

Frühling,
du bist.

Da.
Die beste Freundin ruft an. Die beste Freundin, die sich selbst dazu ernannt hat, sich selbst diesen Titel gegeben hat, einfach so, vor einigen Jahren, ganz ohne mich zu fragen. Ich hätte gewiss nicht nein gesagt, aber gefragt worden wäre ich schon gerne. So wie früher in der Grundschule. Willst du meine beste Freundin sein? Ja? Nein? Ein Vielleicht steht bei einer so wichtigen Frage gar nicht zur Debatte.
Die beste Freundin, die oft, jedenfalls öfter als ich, solche Sätze sagt, die schon so häufig gesagt worden sind, dass sie ausgewaschen, leer klingen, solche Sätze, dass Freundinnen doch eben dafür da sind - wofür, das erklärt sie nie näher - oder, dass sie nicht weiß, mit wem sie sonst reden könnte, ruft an.
Unsere Freundschaft basiert auf einem einfachen Prinzip: Wenn wir nichts voneinander hören, können wir davon ausgehen, dass es dem jeweils anderen gut beziehungsweise nicht schlecht geht. Wenn jemand Redebedarf hat, wird telefoniert. Meistens ruft sie an. So auch jetzt.

Sie redet. Sie erzählt. Von guten und nicht so guten Erlebnissen, von guten und nicht so guten Begegnungen, von Feiern. Den guten Feiern, schlechte gibt es bei ihr nicht. Feiern, bei denen ich nicht dabei sein konnte, meistens auch nicht dabei sein wollte. Ich höre zu. Höre zu, wie sie sich und mich fragt, ob sie sich in einer speziellen Situation nicht anders hätten verhalten sollen, besser, wie ich gehandelt hätte, will sie wissen. Sie wartet nicht auf eine Antwort von mir, das finde ich angenehm, ich höre lieber zu. Ich höre zu, wie sie laut denkt. Höre mit, denke mit. Höre leise, denke leise.
Die beste Freundin spricht über ihre Gefühle, ihre Gedanken, über alles, was sie beschäftigt. Völlig frei, völlig offen. Das mache ich selten, bisher habe ich darin nie eine Notwendigkeit gesehen. Ich mache die Dinge lieber mit mir selber aus. Das weiß sie, das akzeptiert sie, das schätze ich an ihr. Trotzdem möchte sie gerne meine Meinung hören. Meine Meinung zu was genau? Zu allem. Zu ihren Geschichten, ihren Gedankengängen. Obwohl ich gerne zuhöre, höre ich nicht immer zu. Bei ihren Erzählungen begeben sich meine Gedanken oft auf Wanderungen, ich weiß nicht wohin, vielleicht gehen sie ein paar alte, lang zurück liegende Erinnerungen besuchen, sie sind immer sehr schweigsam, wenn sie zurückkehren. Die beste Freundin merkt dann an meinen fehlenden Kommentaren, die ich ab und zu einwerfe, um sie wissen zu lassen, dass ich noch da bin, dass ich nicht mehr da bin. Manchmal bin ich woanders, weit weg, höre sie nicht mehr, kann nichts dafür. Anstatt wortlos aufzulegen, holt sie mich mit Fragen zurück, wartet, bis ich wieder ich bin, sie weiß immer, wann ich wieder ich bin, und beginnt erneut, lässt ein paar Kleinigkeiten weg, fasst das Wesentliche zusammen, kommt zu dem Punkt, weswegen sie anruft, zu dem ich mich äußern soll.

Meine Äußerungen fallen meist knapp aus, sehr knapp, alle anderen fänden mich unhöflich, sie nicht. Ich sage ihr meine Meinung, probiere, ein paar Ratschläge zu formulieren, fertig. Mehr fällt mir dazu nicht ein, im Moment nicht. Aber irgendwann, vielleicht in ein paar Tagen, vielleicht in einigen Wochen, in denen ich mir immer mal wieder Gedanken gemacht habe zu ihrem Gesagten, habe ich auch wieder etwas dazu zu sagen. Das weiß sie, darauf kann sie warten, damit kann sie leben. Sie weiß, dass meine Schweigsamkeit nicht als Desinteresse zu deuten ist, vielmehr als das Gegenteil. Sie weiß das, obwohl ich diesen Sachverhalt nie in Worte gefasst habe.

Jeder andere würde sich nach einem Telefonat mit mir vermutlich nicht wahrgenommen, nicht ernstgenommen, vielleicht sogar verletzt oder enttäuscht fühlen. Die beste Freundin tut das nicht. Sie ruft immer wieder an, ist an meine Sprachlosigkeit gewohnt, braucht sie manchmal vielleicht sogar. Deswegen ist sie meine beste Freundin, ich bin froh, dass sie sich selbst dazu gemacht hat.

Und wer weiß, vielleicht rufe ich sie eines Tages sogar an, um ihr genau dafür zu danken.